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Seelengeschichte Tina 19.03.20


 

 

 

Alles musste seine Ordnung haben, es durfte nichts mehr durcheinander geraten. Doch überall um mich herum war Chaos, immer wieder Chaos. So sehr ich auch versuchte es zu vermeiden, es gelang mir einfach nicht.

 

Wo sind meine Stifte hin? Ich brauche Papier, wo ist das schon wieder? Schreiben kann man auf viele Arten, sagt eine Stimme in mir. Zum Beispiel Listen, wozu schreibe ich Listen? Damit alles Ordnung findet im Innen, antwortet die Stimme. Ich überlege kurz. Was wenn alles in Ordnung ist, spüre ich dann Frieden? Ein Gefühl der Leere macht sich breit, es ist gruselig still in mir, nichts hüpft, nichts spricht, nichts bewegt sich. Mich schaudert. Ich beschließe die Ordnung aufzuheben. Chaos ist gut, ich kann daraus fischen was ich gerade benötige, wie ein Angler. Ich lache und stelle meine Teetasse auf den Tisch.

 

 

 

Die Erwachsenen sitzen im Kaminzimmer, sie reden über Erwachsenenthemen. Ich frage mich wie sie so lange an einer Tasse Tee herum schlürfen können wo es doch so viel zu entdecken gibt in diesem alten Haus.

 

Als wir es am Mittag betreten haben ist die Chaos Herrscherin vor Freude in mir herum gehüpft, die Mahnung ich solle mich benehmen ist für sie eine Einladung nach Dingen Ausschau zu halten, die sie durcheinander bringen kann.

Die Erwachsenen hatten mich ständig im Blick und zwei meiner Versuche durch die Tür zu verschwinden gingen daneben, ich wurde mit scharfen Worten zurück zu meinem Stuhl beordert. Ich beschloss daraufhin die knarrende alte Holztür zu meiden, so sehr ich es auch liebte aber für eine Flucht aus der Welt der Teeschlürfer war sie nicht hilfreich. Also hatte ich meine Augen beauftragt nach anderen Möglichkeiten zu suchen. Ich saß mit dem Rücken zur Tür, dadurch konnte ich den Rest des Zimmers gut überblicken und tatsächlich, es gab in diesem alten Haus noch einen Ausgang aus dem Kaminzimmer. Er lag hinter einem schweren Samtvorhang versteckt. Ich konnte vom Stuhl aus nur ein Stück der Klinke erkennen.

Jetzt brauchte ich einen mutigen Helfer, der die Teeschlürfer ablenkte. Ganz oft, wenn ich mir etwas wünschte, passierte es im nächsten Augenblick. Das hatte manchmal zu heillosem Durcheinander geführt, also achtete ich beim Wünschen darauf nicht so sehr zu übertreiben. Der Chaos Herrscherin gefiel das Übertreiben, sie war Meisterin der verrückten Szenen und ich hob den Zeigefinger vor meine Brust, um ihr zu signalisieren, dass es kein Scheunenbrand sein musste. Eine winzige Ablenkung reichte mir völlig. Sie gehorchte endlich einmal.

Tante Frieda, sie thronte am anderen Ende in einem mächtigen Ohrensessel, stieß einen spitzen Schrei aus und fing sogleich eine Schimpftirade mit Knödel an. Der Hund hieß nicht wirklich Knödel, ich nannte ihn nur so, weil er kugelrund war und seine kurzen Beinchen fast nicht bewegen konnte. Die versammelte Erwachsenenschaft starrte unter den Tisch, wo Knödel eine Pfütze hinterlassen hatte. Ich nutzte die Chance, bedankte mich rasch bei Knödel und schlüpfte hinter den Vorhang zur Tür. Sie war nicht abgesperrt und vom Butler gut geölt. Nein, natürlich gab es hier keinen Butler mehr aber man kann ja mal bissel übertreiben.

 

Hinter der Tür befand sich ein Flur. Es gab keine Teppiche auf dem Boden, nur karger Stein und einige ausgetretene Stufen. Ich sprang sie hinauf und eine weitere schlichte Tür mit abblätternder Farbe war mir im Weg. Doch auch sie ließ sich leicht öffnen. Unter normalen Umständen würde ich sie ganz genau betrachten doch dies hier war eine Flucht, da guckt man keine Türen an.

 

Ich stand in der Küche, jetzt galt es kluge Entscheidungen zu treffen.

Die Küche bot Abenteuer pur, schon alleine der riesige Herd, ein echter Herd mit Feuer und so. Garantiert könnte ich hier ganz viel entdecken aber Knödel hatte ja den Teppich voll gepinkelt und da war die Küche sicher nicht gut geeignet um mich zu verstecken. Raus wollte ich aber auch nicht, es pfiff ein eisiger Wind ums Haus und der würde mir in kürzester Zeit die Nase abfrieren lassen.

 

 

 

Als ich Stimmen hörte wählte ich doch den Garten, es blieb einfach keine Zeit für Pläne. Sogleich begriff ich, dass es ein blöde Idee war, ohne Jacke und Mütze. Ich lief dicht am Haus entlang, die Hände auf den kalten Steinen als würde ich mich an einem Abhang entlang hangeln, nur die Steine als Halt.

Der rettende Erker kam in Sicht, ich lugte durch die Scheibe. Dahinter befand sich die Bibliothek und in diesem Moment wusste ich es, das war mein Ziel. Ich drückte an jeder Tür, geschlossen, geschlossen, geschlossen, offen, ha. Es war nur ein Spalt gewesen aber das reichte mir. Wer immer sie vergessen hatte zu zumachen, er hatte mich vor dem Kältetod bewahrt. Ich dankte ihm.

 

 

Im Kamin brannte kein Feuer und doch schienen die Bücher den Raum zu heizen. Bücher atmen, das hatte ich schon oft gehört, klar, sie können ja auch sprechen. Wenn man genau hin hört braucht man sie gar nicht aus den Regalen zu hieven, einfach auf den Boden legen und zuhören reichte völlig.

 

Ich sah mich um. An den Wänden in Regalen gestapelte Bücher und oben gab es sogar eine Empore, ich wagte aber nicht dort hinauf zu klettern. Da stehen die unartigen Bücher hatte ich die Erwachsenenschaft mal lachend erzählen hören. Keine Ahnung was die Bücher angestellt hatten. Ich legte mich auf den Teppich und schaute zum Kronleuchter hoch. Dann schloss ich meine Augen und befahl den Büchern mir eine Geschichte zu erzählen, irgendeine, wo Unordnung darin vor kam und so richtig Chaos, denn ich bin die Chaos Herrscherin.

 

 

 

Ich wartete und nach ein paar Minuten hörte ich Worte um mich herum. Etwas raschelte und ich bekam ein komisches Gefühl. Die Geschichte hörte sich heute merkwürdig an, die Worte ergaben überhaupt keinen Sinn. Ich rief laut aus, die Buchstaben sollen sich sofort sortieren und sogleich wurde das rascheln lauter. Jetzt riss ich die Augen auf und erschrak. Aus den Büchern krochen die Buchstaben auf den Boden, überall. Sie kamen die Regale herunter gepurzelt und nahmen die Leiter, manche sprangen auch wagemutig auf den Teppich. Um mich herum Berge aus Buchstaben. Ich hielt mir die Augen zu, oh nein, stopp stopp, stopp, die Buchstaben aber krochen munter weiter und sortierten sich. Als Ruhe einkehrte sah ich überall Häufchen liegen. Direkt neben mir der Haufen mit dem C, vor dem Kamin hatte es sich das K gemütlich gemacht, wie passend und neben der Tür lag das X, der Haufen war winzig. Ich stand auf, stemmte die Hände in die Hüften und befahl den Buchstaben sofort zurück in die Bücher zu gehen, Daraufhin setzten sich alle auf einmal in Bewegung, sie liefen durcheinander, stolperten und fanden den Weg nicht. Da hatte die Chaosherrscherin ja ganze Arbeit geleistet. Vielleicht wäre ein Scheunenbrand doch einfacher gewesen.

 

 

 

Plötzlich hörte ich schlurfende Geräusche im Flur, die alte Holztür öffnete sich. Blitzschnell duckte ich mich hinter den Ohrensessel und presste meine Stirn an eine der überdimensionalen Blüten auf den Samtstoff. Vielleicht könnte ich ja unter ihr verschwinden. Die Schritte kamen näher. Meine Neugier war stärker und ich lugte hinter dem Sessel hervor. Oh je, der alte Onkel und er zog ein Buch aus dem Regal, schlug es auf und oh nein, es war leer. Weiße, unbeschriebene Seiten. Er griff das nächste, schlug es auf, leer und das dritte und vierte und so weiter, alle leer.

 

Jetzt trat er zum Sessel, ich duckte mich wieder dichter an die Blüte. Sie half mir nicht. Behaarte Hände griffen nach mir und ich wurde aus meinem Versteck gezogen. Er sah mich an, seine buschigen Augenbrauen klappten immer hoch und runter. Ich musste lachen, verkniff es mir aber und guckte schnell auf seine Ohren. Aber auch die waren so riesig und schienen sich zu bewegen. Das Lachen in mir wollte unbedingt raus, ich herrschte es an sich zu verkrümeln. Das Buchstabenchaos war ja wohl schlimm genug und die Strafe dafür würde gleich auf dem Fuße folgen.

 

Der Onkel ließ mein Kinn los, er zeigte mit dem Finger auf die leeren Bücher und ich bekam ein schlechtes Gewissen. Er hatte sie bestimmt geliebt. Ich sollte wenigstens versuchen ihn zu trösten.

 

Ich blinzelte ihn an, mittlerweile saß die brave Elfe auf meiner Schulter und hatte mir Tränenstaub in die Augen gestreut. Der wirkte, dicke Tränen kullerten über meine Wangen auf mein Kleid. Diese verfluchte Chaosherrscherin, was sollte ich nur mit ihr machen.

 

 

Der Onkel beugte sich zu mir herunter, er nickte ein paar mal bedächtig bevor er zu mir sagte, Bücher voller alter Geschichten standen im Regal, tausendmal gelesen. Es folgte eine Pause in der ich noch mehr zu zittern begann.

Dann sprach er weiter, jetzt ist es wohl Zeit dass Neue geschrieben werden, dann fang mal an die Bücher wieder zu füllen.

 

 

 

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