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Seelengeschichte im Januar 2020

Meine Kleine, sie winkt mich einen Weg entlang und hüpft leichtfüßig voraus ohne sich nach mir umzusehen. Ich habe Angst, der Weg, er ist so furchtbar eng und die mit Moos bewachsenen Felsen ragen weit hinein. Ich zögere, erinnere mich an die goldene Kugel, in die meine Angst sogleich fließt. Helfende Hände zeigen sich über mir, die Kugel schwebt bis sie in den Wolken verschwunden ist.

 

Jetzt wage ich den ersten Schritt und schiebe mich durch die enge, vom Regen feuchte Schlucht. Ab und an muss ich mich ducken, die Felsen kommen bedrohlich nahe doch schließlich weitet sich der Weg und ich stehe am Rande einer bunten Blumenwiese. Es riecht nach Sommer, Schmetterlinge, Hummeln und kleine Vögel schwirren durch die Luft, ein Summen überall.

 

Ich sehe mich um, weit hinten, fast schon am Horizont erkenne ich die Umrisse eines Hauses. Meine Kleine ist auf und davon, sie eilt mit ihren kleinen Beinen so flink dem Haus entgegen, dass ich grinsen muss. Ich folge ihr und hole sie am Tor des Cottages ein. Wir betreten den Garten durch eine rosenumrankte Pforte, es sind nur wenige Schritte bis zur alten knorrigen Haustür. Ich betrachte gerade liebevoll das verwitterte Holz mit dem morbiden Charme den ich so mag, als ein alter Mann öffnet. Sein weißer Bart reicht ihm fast bis zum Bauchnabel und die ebenso weißen Haare sind akkurat zum Zopf geflochten.

 

Er bittet mit der Geste seiner Hand in den langen Flur. Dunkelheit hüllt uns ein doch schemenhaft lassen sich Türen erahnen. Ein schwacher Lichtstrahl weist den Weg.

 

Im Zimmer steht ein gemütliches Sofa, mit bunten Decken und Kissen. Gegenüber ein uralter Ohrensessel, der wie es ausschaut dem Alten gehört. Auf dem Tisch befindet sich eine Kanne mit dampfend heißem Tee und drei braune, getöpferte Tassen, als hätte er uns erwartet. Mich schaudert.

 

Ich sehe wie der Alte fast meditativ den Tee in die Tassen füllt und es sich im knarzenden Ohrensessel bequem macht. Das Gefühl, hier nicht in ein Kaffeekränzchen geraten zu sein macht sich in mir breit.

 

Dann schaut er mir direkt in die Augen. Reine Energie durchströmt mich blitzartig, ich zucke zusammen, mein Körper beginnt zu kribbeln wie ich es nie erlebt habe und ganz langsam merke ich wie ich ohne mein Zutun in seine wasserblauen Augen hinein gleite. Die Energie wird stärker, um mich herum ist es rabenschwarze Nacht.

 

Ich taste an meinem Körper hinunter, ganz sicher, dass dieser nicht mehr da ist und finde eine Taschenlampe. In ihrem Schein erkenne ich mit Schrecken, dass ich mitten in einem ausgehöhlten Baum gelandet bin und weit und breit keine Seele zu sehen. Ich lösche das Licht und schaue mich noch einmal um, vielleicht kann ich irgendwo ein Schlupfloch finden. Doch kein noch so winziger Strahl Tageslicht dringt durch die krustige Rinde. Ich bin merklich ruhig fällt mir auf und so schalte ich die Taschenlampe erneut an. Zu meinen Füßen steht ein Zwerg.

 

Er schaut aus wie man sich Zwerge so vorstellt und ich will ihn gerade fragen wo ich hier gelandet bin als er mir auch schon seine Hand entgegen streckt. Ich nehme die winzige Zwergenhand in meine und im gleichen Augenblick spüre ich eine noch viel stärkere Energie durch meinen Körper jagen. Sie durchströmt mich, sie umströmt mich und ich löse mich auf, werde zu Energie und bin Eins mit ihr. Ich fliege in kreisenden Bewegungen im Baum umher, dann hoch hinauf zwischen den Ästen hindurch bis weit weit in den Himmel. Höher und höher geht der Flug, ich fühle mich verbunden mit allen Dingen die mir jetzt so nah sind wie nie zuvor.

 

Vor mir nehme ich eine ovale Öffnung wahr, ich werde hinein gesogen wie ein Korn in einen Staubsauger und komme inmitten eines Kreises aus Lichtwesen zum Stillstand. Überall glitzernde Farben, sie schwirren wie die Nordlichter durch den Raum.

 

Ich drehe mich wie der Zeiger einer Uhr, tick tock, tick tock, Stopp. Eines der Wesen zieht mich an, ich schwebe direkt hinein und spüre wie sich unsere magischen Energien verbinden. Gemeinsam fliegen wir durch die Öffnung hinaus in die Welt.

 

Ich schaue hinab, wir fliegen tiefer, ich sehen den Van, er steht an einem See, wunderschön. Ich sitze davor, unterhalte mich, dann sitze ich darin, den Laptop vor mir. Ich sehe Menschen um mich, Papier, Stifte und körbeweise Buchstaben, als warteten sie endlich benutzt zu werden.

 

Wir fliegen weiter, an einem Baum lehnt ein Mann, mein Herz klopft, ich erkenne ihn, er raucht genüsslich an einer E-Zigarette. Ich schwebe näher heran, spüre die Liebe, er lächelt.

 

Die Reise geht weiter, einen Weg entlang in einen Wald hinein. Naturwesen zeigen sich, so viele, sie winken mir zu. Ich staune. Elfen, in ihrer filigranen Schönheit, die Flügel so zart und schimmernd. Zwerge, an den Wurzeln der Bäume, sie halten inne und winken mir zu. Nebel zieht auf.

 

Wir fliegen zurück, durch die ovale Öffnung in den Kreis der Lichtwesen. Ich drehe mich und wähle erneut. Diesmal bekomme ich einen malachitgrünen Umhang geschenkt. Er besteht aus reiner Energie. Ich schlüpfe hinein und drehe mich weiter. Eine Krone wird mir überreicht, sie ist golden und mit winzigen funkelnden Steinen besetzt. Sie verbindet sich mit mir.

 

Ein Stück weiter im Kreis bekomme ich einen grünen Ring an meine linke Hand gesteckt, seine Energie ist magisch und umschließt meinen Finger ganz fest.

 

Ganz plötzlich verändere ich mich, es zieht mich zurück. In rasendem Tempo rausche ich rückwärts durch die Zeit, vorbei am Zwerg, lasse seine Hand los und sitze mit dampfend heißem Tee dem Alten gegenüber. Seine Augen sind so Blau wie die beginnende Nacht, er lächelt mich an. Ich falte meine Hände und bedanke mich für diese wundervolle Erfahrung, die nun tief in meinem Herzen gespeichert ist.

 

Barfuß, meine Kleine ganz fest an meiner Hand hüpfe ich über die Wiese, durch die Schlucht zurück ins Jetzt. Keine Enge mehr, keine Angst mehr, dafür eine wundervolle neue Energie. Ich genieße sie lächelnd.

 

 

 

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